Kein Mensch ist egal

Dortmund-Hörde, Anfang Februar gegen 21 Uhr: Draußen herrschen -2°C, und mein Hund möchte am liebsten direkt an der Haustür wieder umkehren und zurück in die Wohnung. Der Wetterbericht kündigt an, dass die Temperaturen im Laufe der Nacht noch auf -5°C sinken sollen…

Bereits im letzten März stelle die Dortmunder Verwaltung in einer Vorlage dar, dass zum damaligen Zeitpunkt ungefähr 400 Menschen ohne Obdach Sozialleistungen beziehen. Hinzu kommen jene Obdachlose, die eine Rente beziehen; die, die arbeiten gehen; die, die das alles nicht schaffen oder wollen; die, die gar kein Anrecht auf irgendwelche Leistungen haben. Wie groß diese Gruppen sind, die keine Sozialleistungen beziehen, ist nicht bekannt.

Die Männerübernachtungsstelle (dort können obdachlose Männer unterkommen) verfügte bisher über insgesamt 55 Plätze, die Unterkunft für Frauen über 22 Plätze. 77 Schlafplätze für über 400 Menschen.
Beide Unterkünfte werden nun zwar ausgebaut, aber die Zahl der Betten wird dennoch hinter der Zahl der Menschen ohne Obdach zurückbleiben.

Es wird daher auch in Zukunft dabei bleiben: Genau wie heute Nacht werden nicht genug Schlafplätze vorhanden sein, um rein theoretisch jeden obdachlosen Menschen unterbringen zu können.

Aus der gleichen Vorlage von März geht außerdem hervor, dass die meisten Männer nicht nur für eine oder zwei Nächte bleiben, sondern meist über einen längeren Zeitraum. So haben zum Beispiel 2016 mehr als 20 Männer die Übernachtungsstelle zwischen sechs und zwölf Monate am Stück genutzt. Diese Plätze sind also belegt.

Beide Einrichtungen sind mittlerweile an ihren Belastungsgrenzen. In beiden Einrichtungen wird nach eigenen Aussagen niemand abgewiesen, Überbelegungen kommen also auch durchaus vor. Dennoch fassen beide Einrichtungen natürlich keine 400 Personen – und das sind ja auch nur die im Sozialleistungsbezug!

Wo sind diese Menschen also, in einer Nacht wie dieser, in der es auch meinem Hund draußen zu kalt ist?

Einige – vielleicht sogar viele, das weiß ich nicht – sind bei Freunden, Verwandten oder Bekannten untergekommen. Andere liegen unter Brücken, in Hauseingängen, auf Spielplätzen oder irgendwo anders draußen.

Aber warum tun sie das? Angeblich wird doch niemand abgewiesen und niemand muss draußen schlafen…

Das gilt jedoch nicht wirklich für alle Menschen.

Manche haben beispielsweise Hunde. Diese dürften sie nicht mit in die Obdachlosenunterkünfte mitbringen. In anderen Städten gibt es die Möglichkeit, dass der Mensch die Nacht in einer Unterkunft verbringt und der Hund diese eine Nacht im Tierheim. In Dortmund ist das nicht möglich, der Hund kann nur im Tierheim bleiben, wenn er dort endgültig abgegeben wird. Die Menschen zahlen für die eine Nacht also mit ihrem vielleicht einzigen Freund…

Andere Menschen stammen aus der EU, aber eben nicht aus Deutschland. Ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist ihnen der Zugang zu den Unterkünften jedoch verwehrt – sie dürfen sie gar nicht nutzen und müssen nach spätestens einer Nacht vor die Tür gesetzt werden.

Und wer einfach mal ein paar Worte mit einem Menschen spricht, der ihn nach ein wenig Kleingeld fragt, bekommt noch eine ganze Menge anderer Gründe genannt:
Die hygienischen Umstände in den Übernachtungsstätten lassen wohl sehr zu wünschen übrig.
Diebstähle mögen ja vielleicht ein Vorurteil sein, dieses hält sich jedoch sehr hartnäckig. Und viele sind schon einmal selbst Opfer einer dieser Ausnahmen geworden, die Diebstähle angeblich darstellen.
Wer nicht in Dortmund gemeldet ist, kommt wohl doch nicht hinein.
Nicht jeder hat die 7€, die eine Übernachtung einen Selbstzahler kostet.
Bei einigen werden die Anträge zur Kostenübernahme der Einrichtung abgelehnt – also haben auch sie keinen Anspruch.
Viele haben schlimme Erfahrungen mit Ämtern gemacht und möchten damit auch nichts mehr zu tun haben – das wird aber am Morgen nach der ersten Übernachtung direkt verlangt.
Andere sind drogenabhängig und können nicht so lange verzichten. Außerdem würden ihre (teuren) Drogen ihnen auch noch abgenommen werden.

Ich lasse es mir tatsächlich meistens nicht nehmen, mich mit vermeintlich obdachlosen Menschen ein bisschen zu unterhalten, wenn diese mich ansprechen. Ich frage dabei gar nicht selten, wie die betroffene Person denn den Obdachlosenunterkünften gegenüberstehen. Und ehrlich gesagt haben mir bisher alle geantwortet, dass sie diese nicht nutzen dürfen oder möchten. Natürlich reichen diese Auskünfte nicht für eine repräsentative Aussage aus – aber alarmierend wirkt es auf mich zumindest allemal!

All diese Menschen müssen diese heutige Nacht nun irgendwie hinter sich bringen…

Und welche Lösungen gibt es da in anderen Städten?

In vielen Städten gibt es Kältebusse, als aufsuchende Sozialhilfe, die mit warmen Getränken und auch mal einem Schlafsack aushelfen können.
In anderen Städten baut man „Tiny Houses“ aus Spanplatten.
Wieder andere bieten Zelte an als schnelle unbürokratische Hilfe.
Andere öffnen einzelne U-Bahn-Stationen, damit Obdachlose dort geschützt übernachten können.

Manche dieser Lösungen kosten vermutlich mehr, andere weniger Geld.

Und Dortmund?

Dortmund hat nichts von all dem. Und Dortmund will auch nichts von all dem. Noch nicht einmal prüfen lassen möchte man, ob eine dieser Lösungen auch für Dortmund in Frage käme.
In Nächten wie dieser gibt es keinen Ort für einigen Menschen dort draußen in unserer Stadt. Und absehbar wird sich daran nichts ändern.

Ich vermute eigentlich, dass es die Stadt nicht in den Ruin treiben würde, wenn die beispielsweise die Haltestelle Stadtgarten in kalten Nächten öffnen würde. Natürlich würde Sicherheitspersonal nötig und sicher müssten man auch zusätzliche Reinigungskräfte einsetzen. Aber ich bin überzeugt, der finanzielle Aufwand ist über das Jahr gerechnet eher gering. Leider wird das nun aber noch nicht einmal geprüft.

Zum heulen?

Als von Seiten der SPD im Sozialausschuss vor einigen Monaten die Frage kam, ob man in einer Einrichtung auch gegen HIV impfen würde, schrieb ich bei Facebook, dass ich am liebsten weinend nach Hause gehen würde. Als die SPD nun in der letzten Sitzung des Sozialausschusses ankündigte, unseren Antrag auf Prüfung verschiedener Konzepte für Obdachlose abzulehnen, hat sie mir auch freundlich erlaubt, wieder bei Facebook zu schreiben, dass ich weinend nach Hause gehen.

Das ist wirklich sehr freundlich, aber ich glaube, von Seiten der SPD versteht man gar nicht, warum ich Nächte wie diese zum heulen finde.

Ich denke an den Herrn, den ich vor genau drei Wochen vor dem Konzerthaus getroffen habe. Ich hatte gerade den Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters hinter mich gebracht: Dem Orchester gelauscht, Suppe gegessen, Wein getrunken, Gespräche geführt. Aber ich hatte (mal wieder) kein Feuerzeug dabei und da saß dieser Mann mit einer Zigarette auf dem Boden. Ich bat ihn um Feuer, und er kam meiner Bitte sehr höflich nach. Wir unterhielten uns noch ein paar Worte – unter anderen darüber, dass man ihn vor der Tür vom Konzerthaus gleich eh vertreiben werde, er kenne das schon.
Es war kein schönes Gefühl, zu realisieren, dass ich gerade eben mit zu den Leuten gehört hatte, für die dieser Mann dort in der Regel vertrieben wird. Weil Menschen, die das Konzerthaus besuchen, so etwas nicht sehen möchten und sich bedrängt fühlen könnten. Dafür schäme ich mich und das einen schalen Nachgeschmack in Bezug auf diese Veranstaltung hinterlassen.

Ich hoffe, Sie konnten heute Nacht irgendwo unterkommen…

Und was machen wohl die beiden Herren, die ich letzte Woche auf dem Rückweg von Radio 91,2 getroffen habe? Wir sprachen noch darüber, dass beide (der eine älter, der andere jünger) keine Sozialleistungen in Dortmund beziehen, weil ihre Anträge abgelehnt wurden. Und beide hatten auch nicht den Wunsch, in eine der Obdachlosenunterkünfte zu gehen.

Ich hoffe, auch Euch geht es gut!

Es tut mir wirklich, wirklich leid, dass noch immer nicht für das mindeste gesorgt ist – dafür, Euch vor dem Erfrieren zu schützen! Und es macht mir Angst, dass es eines Tages für irgendeinen Menschen zu spät sein könnte, um eine Lösung zu finden…

Und ich weine gar nicht nur wegen dieser drei und allen, die ein ähnliches Schicksal teilen!

Ich weine um arme, kaltherzige Menschen, die kein Mitgefühl und kein Erbarmen kennen:
Wer sich nicht an ihre Mindestanforderung hält – sich dem bürokratischen Hilfensystem zu unterwerfen, und viele Hindernisse, die für sie keine wären, zu bewältigen -, hat auch keine Hilfe verdient.

Ich weine um Menschen, die nicht bereit sind, ihren Mitmenschen, wenn sie ganz unten am Boden liegen, wenigstens beim überleben zu helfen – obwohl sie sich für sozial halten oder sich Nächstenliebe auf ihre Fahnen geschrieben haben!

Ich weine, weil ich mich für diese Menschen fremdschäme.

Und ich weine, weil es mich einfach traurig macht, dass Menschen ohne Wärme und Mitgefühl für ihre Mitmenschen leben müssen.

Kein Mensch ist egal.

Ich wünschte, irgendwann würden das alle so sehen…

 

 


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Nadja Reigl

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